Die österreichische Ärztekammer beklagte heute in einer Pressekonferenz in Wien einmal mehr eine schwere Krise im Gesundheitssystem und die immer schlechter werdende medizinische Versorgung. Es bedürfe endlich dringender Reformen im Gesundheitswesens. Man habe 2020 Lösungen erarbeitet, die von den Stakeholdern des Gesundheitswesens negiert werden. Im Grunde drohe dem Gesundheistsystem der Kollaps, so die Kammerverantwortlichen. Um der Dramatik Ausdruck zu verleihen, reisten die Obleute der niedergelassenen Kurien der Allgemeinmedizin in den Bundesländern nach Wien an.
Allen voran der Tiroler Dr. Edgar Wutscher, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, der große Bedenken zur aktuellen Situation der Gesundheitsversorgung in Österreich äußert. Er betont, dass die Gesundheitsversorgung eine der Kernaufgaben der Bundesregierung sein müsse und behauptet, dass die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) nicht in der Lage sei, verbindliche Angebote zu unterbreiten. Dies erschwere die Verhandlungen mit der niedergelassenen Ärzteschaft. Die Ärzteschaft fordert demnach ein starkes Bekenntnis der Politik zu einem solidarischen Gesundheitssystem, das auch finanziert werden muss. Die aktuelle Krise erfordere Maßnahmen, darunter eine verbindliche Patientenlenkung. Darunter versteht Wutscher unter anderem die bereits oftmals geäußerte Forderung, die Patienten weg von den Spitalsambulanzen zu den niedergelassenen Ordinationen zu führen. Das würde Effizienz und Kosteneinsparungen im Gesundheitssektor zu fördern, so Wutscher.
Dr. Dietmar Bayer, der als Vizepräsident der steirischen Ärztekammer nach Wien angereist ist, kritisiert die Unzulänglichkeiten des österreichischen Gesundheitssystems. Er weist darauf hin, dass das System für eine Bevölkerung von acht Millionen konzipiert wurde, während die Einwohnerzahl inzwischen über neun Millionen gestiegen ist. Dies führt zu einer höheren Arbeitslast für die Ärzte, ohne dass die Anzahl an Fachkräften entsprechend gewachsen ist. Bayer erachtet, dass politische Fehlentscheidungen, Vernachlässigung und Kostendämpfung eine adäquate Reform und Anpassung des Systems behindern würden. Zusätzlich beklagt er ineffiziente IT-Strukturen und fordert eine Digitalisierung des Gesundheitssystems zur Verbesserung und Entlastung der Abläufe. Warum sich Österreich „den Luxus von drei verschiedenen ITFirmen“ leiste, gerade mit einem klaffenden Budgetloch, verstehe er nicht. Man habe die ELGA GmbH, die SVC und die IT-SV – jede von diesen drei Firmen arbeite an unterschiedlichen Projekten. Man verliere hier täglich Geld durch diese Doppelgleisigkeiten und den Abstimmungsbedarf beziehungsweise den Reparaturbedarf nach fehlerhafter Koordinierung. Bayer warnt zudem vor dem drohenden Konkurs der ÖGK, wenn keine grundlegenden Veränderungen stattfinden.
Dr. Naghme Kamaleyan-Schmied, Obmann-Stellvertreterin der Bundeskurie niedergelassene Ärzte und für Wien, beschreibt „den Gesundheitsnotstand als traurige Realität“, die dringend angegangen werden müsse. Insbesondere die Probleme wie unbesetzte Kassenstellen, überlange Wartezeiten und unzureichende Honorierungen der Ärzteschaft, belasten Ärzteschaft und gefährden die Versorgung der Patienten, so die Interessensvertreterin. Sie appelliert eindringlich an die Politik und die Gesundheitskasse, „sofortige Maßnahmen zu ergreifen“, um die Qualität der medizinischen Versorgung zu sichern und das solidarische Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten. Auch die mangelnde Attraktivität des Kassenbereichs und die schwierige Suche nach passenden Ordinationsräumlichkeiten in einer Großstadt wie Wien seien ein gravierendes Problem. Die „3-Minuten-Medizin“ sei im Kassensystem längst Realität: Ärztinnen und Ärzte sind durch die ständig wachsende Belastung und den enormen Zeitdruck am Limit, so die Wiener Kammerfunktionärin.
Der Vizepräsident der Ärztekammer Salzburg, Dr. Christoph Fürthauer, fordert ein flexibleres Kassensystem, „um modernere Arbeitsmodelle zu ermöglichen“. Gruppenpraxen und Job Sharing sollten gefördert werden, um bürokratische Hürden abzubauen. „Finanzielle Unterstützungen von Modellen, in denen Ordinationen auch andere Gesundheitsberufe integrieren und dafür die budgetäre Absicherung erhält, können Anreize schaffen.“ Teilzeitarbeit sollte für Kassenärzte eine Option sein, um Arztpraxen attraktiver und die Besetzung von Kassenstellen zu fördern. Jede Kassenstelle, die besetzt wird, stärke das solidarische Gesundheitssystem. Primärversorgungszentren und Netzwerke seien Lösungen, insbesondere in ruralen Gebieten, da diese oft medizinisch unterversorgt sind.
Auch Niederösterreichs Kurienvertreter der niedergelassenen Ärzteschaft, Vizepräsident und Allgemeinmediziner Dr. Max Wudy, verweist auf eine kritische Situation der medizinischen Versorgung, vor allem im ländlichen Raum. Denn gerade hier fehlen die Kassenärzte. Wudy schlägt vor, das sogenannte Dispensierrecht von Hausärzten, die häufig Hausbesuche machen, zu erweitern, um Medikamente direkt an die Patienten abgeben zu können. Dies würde sowohl die Zufriedenheit der Ärzte als auch der Patienten erhöhen und tragen, um das Überleben der Basisversorgung in ruralen Gebieten zu sichern. Derzeit verordnen Hausärzte zwar die notwendigen Medikamente, können sie aber bei Hausbesuchen nicht direkt vor Ort abgeben. Ein zentrales Problem, das er anspricht, ist die seit Jahren anhaltende Lieferengpass-Situation bei über 600 Medikamenten, die vorwiegend durch interne Probleme des Gesundheitssystems verursacht wird. Er kritisiert außerdem die bürokratischen Hürden des Dachverbandes und die unzureichende Arzneimittelversorgung. Der aktuelle Zustand des Arzneimittelversorgungssystems führe, so Wudy, zu langen Wartezeiten und unzureichendem Zugang zu Medikamenten. Statt zu entschärfen, „erfindet der Dachverband neue bürokratische Schikanen, wie z.B. bei den Parallelimporten“. Darüber hinaus stehe das ABS (Arzneimittel-Bewilligungs-Service), ein System, das genehmigungspflichtige Medikamente von frei verschreibbaren unterscheidet vor dem Zusammenbruch. Denn: „Stundenlange Wartezeiten sind bei der Genehmigung von chefarztpflichtigen Medikamenten die Regel und nicht mehr die Ausnahme“, so Wudy.
Dr. Michael Schriefl, Vizepräsident und Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte der Ärztekammer Burgenland, kritisiert, dass die steigende Anzahl an Patienten und die damit verbundene Zeitknappheit die Patientenversorgung behindern. Schriefl fordert Maßnahmen, die die Effizienz steigern und Zeit sparen. Eine dieser Maßnahmen sei die Abschaffung des Arzneimittel-Bewilligungs-Service (ABS), da dies die ärztliche Praxis erheblich entlasten könnte. Während der Pandemie hätten Ärzte nachweislich ohne negative Konsequenzen Medikamente direkt verordnen können. Die Befürchtung, dass damit teurere
Medikamente schneller verordnet werden, sei damit unbegründet. „Uns würde es in der täglichen Arbeit helfen, wenn wir manche Medikamente nicht erst noch (chefärztlich) bewilligen lassen müssen.“
Dr. Wolfgang Ziegler, Vizepräsident und Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte der Ärztekammer für Oberösterreich, fordert eine zukunftsorientierte Sicherung des Gesundheitwesens. Vor allem werde die bevorstehende Pensionierung vieler Ärzte in den kommenden Jahren eine Herausforderung darstellen. Ein zentrales Problem sieht Ziegler in der Lehrpraxisfinanzierung, die ab 2025 drastisch reduziert wird. Dies könnte dazu führen, dass weniger erfahrene Mediziner bereit sind, Lehrpraktikanten auszubilden, was langfristige negative Folgen für die Niederlassung haben könnte. Ziegler fordert deshalb eine Überarbeitung der Förderrichtlinien, um die Lehrpraxen zu schützen und auszubauen, zudem wird die wirtschaftliche Verantwortung der Ordinationen hervorgehoben. Die Ärztekammer sei nicht ausreichend in die neuen Förderrichtlinien einbezogen worden.
Dr. Alexandra Rümmele-Waibel, Vizepräsidentin und Kurienobfrau der Ärztekammer Vorarlberg (sie ist per Video-Botschaft zugeschaltet), nimmt Bezug auf den wachsenden Frauenanteil in der Medizin, der bereits 50 % erreicht hat und weiter ansteigt. Sie betont die Notwendigkeit von Reformen im Kassenbereich, um jungen Ärztinnen den Einstieg in die niedergelassene Praxis zu erleichtern. Besonders im Hinblick auf Mutterschutz ist Rümmele-Waibel der Meinung, dass die Zeit nach einer Entbindung als solcher anerkannt werden sollte. Ein Pilotprojekt in Vorarlberg bietet bereits einen finanziellen Mutterschutzausgleich für junge Ärztinnen, jedoch steht die Umsetzung dieser Ideen auf nationaler Ebene aufgrund der finanziellen Situation der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) in Frage. Die finanzielle Situation der ÖGK erschwere die Umsetzung von Reformen.
Dr. Wilhelm Kerber, Vizepräsident und Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte der Ärztekammer für Kärnten (per Video zugeschaltet), äußert Bedenken über die Herausforderungen des Gesundheitssystems in Österreich, insbesondere im Bereich der Kassenmedizin. Er weist auf einen Reformstau und demografische Entwicklungen hin, die die Versorgungsqualität gefährden könnten. Das aktuelle System wird als unattraktiv für junge Ärzte wahrgenommen, was zu einem Mangel an neuen Kassenärzten führt, während gleichzeitig eine große Anzahl bestehender Ärzte kurz vor der Pensionierung steht. Die Erklärung wirft ein dringendes Licht auf die Notwendigkeit von Reformen und Handlungen der Politik.
Foto: Nach der Pressekonferenz stellten sich die anwesenden Vertreter der Ärztekammern dem Fotografen. (Foto: wp)
(wp/05FEB2025)
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